Zwischen Aufbruch und Rückschritt - Michal Hvorecký über Europas Zukunft: 1989 marschierten hunderttausende Menschen von Bratislava nach Österreich. Am Ufer der Donau, unterhalb der Burg Devín, fiel der Eiserne Vorhang. Es war ein prägender Moment für den Autor Michal Hvorecký und ein Schlüsselerlebnis seiner Jugend. In seinem Buch "Dissident" beschreibt er die politische Entwicklung der Slowakei als Warnsignal für Europa: Populismus, Desinformation und ein Kulturkampf prägen heute das gesellschaftliche Klima. Im Zentrum dieser Entwicklung steht der Ministerpräsident Robert Fico, der seit 2023 bereits zum vierten Mal an der Macht ist. Korruptionsvorwürfe, der Mord an Investigativjournalist Ján Kuciak und gesellschaftliche Spaltungen markieren seine Regierungszeit. Nach seiner erneuten politischen Rückkehr verfolgt Fico nun einen konfrontativen Kurs gegen Medien, liberale Institutionen und die Kulturszene. Hvorecký selbst wurde von der Kulturministerin Martina Šimkovicová angezeigt, nachdem er sie kritisierte. Für ihn ist die Vorstellung, rechtspopulistische Parteien "einfach mal regieren" zu lassen, ein riskantes Unterfangen, wie für Michal Hvorecký die Slowakei zeigt. "ttt" traf Michal Hvorecký vor der Buchmesse in seiner Heimatstadt Bratislava an der Donau. (Autor: Dennis Wagner) Wer hat Angst vor Populismus? Die Krise der liberalen Demokratie: Der prominente Historiker Jörg Baberowski hat gerade ein viel beachtetes Buch vorgelegt: "Am Volk vorbei - Zur Krise der liberalen Demokratie". Das Wissen um die Geschichte mache es ihm leichter, die Gegenwart nicht nur zu ertragen, sondern mit Zuversicht zu sehen, so Baberowski im Interview mit dem ARD-Kulturmagazin "ttt". Der Aufstieg des Populismus, den wir derzeit in allen westlichen Demokratien erleben, ist ein Reflex auf die Krise der liberalen Demokratie und war diesem System schon immer eingeschrieben. Der Osteuropa-Historiker ist überzeugt, dass die Populisten das Sprachrohr der Ungehörten, der Ohnmächtigen sind, dass der Populismus der Aufschrei jener ist, die sich nicht mehr vertreten fühlen von den Volksvertretern. Baberowski erzählt in seinem Buch davon, dass dieser Protest, nicht nur von den Rändern der Gesellschaft kommt, sondern mittlerweile bis in die Mittelschicht hineinzuhören ist und dass er als ein dringendes Zeichen ernst genommen und als belebendes Element für die Demokratie verstanden werden muss. Er wirft die Frage auf, wie es zur Krise der liberalen Demokratie kommen konnte. Seine Antwort lautet: Ein neoliberaler, global agierender Kapitalismus, der von der Politik aus der politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Verantwortung entlassen wurde, hat die Politik und ihre Repräsentanten entmachtet - sie sind zu Verwaltern des Status quo geworden, austauschbar, Funktionäre der Macht. Die Menschen spürten genau, so Baberowski, ob ihre Stimme wirklich etwas bewirkt. (Autor: Ulf Kalkreuth) Lukas Rietzschels Roman "Sanditz": Pünktlich zur Leipziger Buchmesse meldet sich Lukas Rietzschel zurück mit seinem knapp 500-seitigen Roman "Sanditz". In den letzten Jahren sorgte der Görlitzer Autor vor allem mit Arbeiten für das Theater für Aufsehen. Wir sprechen mit Rietzschel über seinen neuen Roman, der sich erneut mit den Umbrüchen in den immer noch "neu" genannten Ländern beschäftigt und von der DDR der 1970er Jahre bis in die unmittelbare Gegenwart reicht. Woran liegt es, dass viele Ostdeutsche so "anders" ticken und die Debatten darüber scheinbar kein Ende nehmen? Wie schreibt man in solch aufgeregten Zeiten, in denen Kriege die Welt und Wahlen das Land erschüttern, einen Roman? Wie findet man eine künstlerische Sprache, die zugleich der scheinbar polarisierten Gesellschaft gerecht wird? Eine Begegnung mit einem, dem es gelingt. Zum Beispiel mit Sätzen wie diesem: "Mit Großmutter war auch das zwanzigste Jahrhundert gestorben, in dessen schwachen Schatten er hineingeboren war. Ihr Leben hatte drei deutsche Staatsformen überdauert, einen Krieg, die Vertreibung aus Schlesien und später durch den Tagebau, vier Währungen und das Internet. Sie war der einzige Mensch gewesen, den er kannte, der noch nie mit einem Flugzeug geflogen war." (Autor: Matthias Schmidt) Im Zeichen der Geschichte: Leipziger Buchpreis zwischen Erinnerung und Entdeckung: Der Preis der Leipziger Buchmesse, traditionell zu Messebeginn am Donnerstag verliehen, hat sich in den vergangenen Jahren einen besonderen Ruf erworben. Im Unterschied zum Deutschen Buchpreis waren hier Überraschungen möglich, wurden Autorinnen und Autoren auch aus literarischen Grenzbereichen entdeckt und ausgezeichnet. Nominiert in der Sparte Belletristik sind in diesem Jahr die Leipziger Autorin Anja Kampmann ("Die Wut ist ein heller Stern"), Helene Bukowski ("Wer möchte nicht im Leben bleiben"), Katerina Poladjan ("Goldstrand"), Elli Unruh ("Fische im Trüben") sowie als einziger männlicher Autor der Österreicher Norbert Gstrein ("Im ersten Licht"). Alle fünf Romane beschäftigen sich mit historischen Stoffen: mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, mit der DDR und mit deutschen Auswanderern in Kasachstan. "ttt" trifft Preisträger oder Preisträgerin in den Messehallen und stellt das ausgezeichnete Werk vor. (Autor: Rayk Wieland)