Hamburg feiert 400 Jahre Reeperbahn. Und doch ist St. Pauli so viel mehr als Neonlicht und Nachtleben. "Rund um den Michel" wirft einen Blick hinter die schillernde Fassade und erzählt Geschichten, die selten im Rampenlicht stehen, aus dem Stadtteil zwischen Vergangenheit, Gegenwart und ungebrochener Energie. Kieztouren mit Onkel Jan Jan Koch ist als Jugendlicher in den 1980er-Jahren Teil der Hamburger Rock 'n' Roll-Szene gewesen, in der es immer wieder auch Auseinandersetzungen mit anderen Jugendgangs gab. Um sich dort verteidigen zu können, ist er in das Karatestudio von Thomas Born am Hofweg gegangen und hat dort bei Karate Tommy nicht nur Kampfsport gelernt. Jan wurde Teil des Rotlichtmilieus und hat jahrelang ein wildes Leben als Lude gelebt. Mit 34 Jahren ist er hinterrücks auf der Toilette seiner Lieblingsbar überfallen worden und musste reanimiert werden. Heute ist er Lkw-Fahrer und bringt Menschen auf seinen Inklusions-Touren den Kiez und seine eigene bewegte Geschichte näher. St. Paulis Entwicklung hin zur Amüsiermeile St. Pauli mit dem Kiez und der Reeperbahn ist weltbekannt: als Ort des Vergnügens. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts zog es die Hamburger hierher, um ihre Freizeit zu verbringen. Sie genossen die landschaftlich reizvolle Umgebung mit Blick auf die Elbe. Der Spielbudenplatz war schon damals die Keimzelle des Vergnügens: fliegende Stände und hölzerne Schaubuden, in denen Gaukler und Schausteller vielfältige Unterhaltung boten. "Rund um den Michel" blickt gemeinsam mit Kiez-Historikerin Eva Decker darauf, wie das Vergnügen auf St. Pauli Einzug hielt und sich die einst ländliche Gegend vor dem Millerntor zu einem dicht besiedelten Stadtteil mit weltbekanntem Kiez entwickelte. Ein Besuch im ältesten Eisenwarenladen der Stadt Im Laden von Aenne und Clemens Flagge gibt es so ziemlich alles, was Heimwerker brauchen - ob Schrauben, Fensterbeschläge oder Werkzeuge. Das Ehepaar führt in fünfter Generation den ältesten Eisenwarenladen der Stadt: Ferd. Schüllenbach. Und das mit sehr viel Herzblut seit mehr als 50 Jahren. Ein Besuch in einem Traditionsladen auf St. Pauli. Lost Places: St. Paulis geheime Bunker 53 Meter hoch thront er seit 1906 an der Elbe: der riesige Bismarck aus Granit im Alten Elbpark, Hamburgs größtes Denkmal. Von 1939 an bauten die Nazis im Sockel der Figur einen Schutzbunker ein. 900 Menschen sollten hier bei Luftalarm Schutz finden. Seit 1950 ist der Hohlraum unter der Figur nicht mehr für die Öffentlichkeit aus Sicherheitsgründen zugänglich und weil ein Konzept für unterirdische Rundgänge erarbeitet werden soll. Denn dort unten befinden sich auch viele erklärungsbedürftige Zeichnungen und Symbole. Auf der Suche nach dem "alten" St. Pauli St. Pauli ist weltbekannt und immer mehr zu einer Touristenattraktion geworden. Aber: Wofür steht dieser kleine Stadtteil eigentlich? Was ist geblieben von seinen Nachbarschaften, von seiner Offenheit, seiner Vitalität und Lebenslust? Abenteuer und Bestsellerautor Michel Ruge ist weit herumgekommen und als gebürtiger Sankt Paulianer dabei so eng verwurzelt geblieben mit dem Stadtteil wie nur wenige andere. Er will die natürliche Lebendigkeit dieses Viertels festhalten. Auf der Treppe vor seinem historischen Sahlhaus trifft sich das "alte St. Pauli" und viele, die es lieben. Die stillen Helden von St. Pauli: eine Schicht mit Team 1 St. Pauli, ein Ort, der wirklich niemals schläft, dessen Kneipen, Clubs und Charme jedes Jahr mehr als eine Million Menschen aus der ganzen Welt anziehen. Und die sorgen jeden Tag und jede Nacht für neuen Müll. Deshalb gehört St. Pauli auch zu den meistgereinigten Stadtteilen des Landes. In drei Schichten sind die Mitarbeiter der Stadtreinigung rund um die Uhr im Einsatz, um die Straßen, Parks und Gehwege von Müll zu befreien. Während andere noch feiern, ziehen die stillen Helden der Frühschicht in zwei Teams schon ganz frühmorgens mit Müllzangen, Besen und Kehrmaschinen durch St. Pauli, um die Spuren zu beseitigen. Allein das Team 1 reinigt dann 28 Kilometer Gehwege, Parkanlagen und leert 240 Papierkörbe. Der Müll ist so vielseitig wie der Stadtteil - und erzählt jeden Morgen die Geschichten der vergangenen Nacht. Anna Genger: Kiez-Künstlerin mit Familiengeschichte Anna Genger erfindet sich immer wieder neu. Aufgewachsen auf St. Pauli, geprägt von einer Familiengeschichte, die tief im Viertel verwurzelt ist, bewegt sie sich heute zwischen Kunst, Kiez und Bühne. Die studierte Künstlerin arbeitet interdisziplinär - sie entwirft, performt, führt Besucher durch "ihr" St. Pauli und steht regelmäßig auf der Bühne. Größere Aufmerksamkeit erlangte sie 2022, als sie die denkmalgeschützte, älteste Apotheke St. Paulis aus dem Jahr 1799 übernahm. Ein Familienerbe. Ihre Idee, daraus ein Museum für historisches Sexspielzeug zu machen, scheiterte 2024. Heute ist Anna Genger unter anderem Teil von "Kiezlife-Live", einem Bühnenformat, das mit Humor, Musik und persönlichen Geschichten einen direkten Einblick in Lebensgeschichten auf St. Pauli gibt. Eine Oase der Ruhe mitten im pulsierenden Kiez Der Hamburger Kiez ist oft laut, schrill und lasterhaft. Doch es gibt hier auch kleine Oasen, die so völlig anders sind. Eine davon ist das Reich von Stina Herz. Drei Liegen, helle Wände, eine einladende Atmosphäre und Stinas magische Hände - das ist Kiez-Chiro, Stinas Chiropraxis mitten auf dem Kiez. Als Kontrast zu all dem Lärm und Laster um sie herum bietet Stina hier Ruhe, Wohlbefinden und ganzheitliche Gesundheitsbehandlung. Ihre Kundschaft ist dabei so bunt wie der Kiez selbst: vom Türsteher bis zur Kiez-Kellnerin hatte Stina schon so ziemlich alles auf ihrer Liege, was St. Pauli hergibt. "Rund um den Michel" hat Stina in ihrer kleinen Oase besucht. Frischer Wind in der Seilerstraße Mitten im Herzen von St. Pauli weht seit Neuestem frischer Wind durch alte Mauern: In der Seilerstraße hat die Hamburg Kreativgesellschaft ein historisches Schulgebäude aus dem Jahr 1888 in ein Atelier- und Studiohaus verwandelt. Fast drei Jahre lang stand die Schule leer. Nun sind 50 neue Mieter eingezogen, Kreative aus ganz verschiedenen Branchen.